Aus der "Dorfchronik Wittlohe-Stemmen"

Abseits von der Landstraße Verden-Walsrode, ganz in der Ruhe der Landschaft, die Lehrde als Abgrenzung, inmitten von rund 100 Morgen Wald, liegt der einstellige alte Bauernhof Grafel. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Familie Storch hier zu Hause. In einem alten Einkünftebuch der Domstruktur heißt es über den Hof Grafel - zu der Zeit Graffel geschrieben - :

"... ist ein Halberhof und gehört an die Königliche Structur. Es ist zwar etwas Holzung bey diesem Hof auf dem Felde, so in alten abhängigen Eichen besteht, und darauf darf der Meier nichts hauen, solche Holzung gehöret an die Königliche Structur. Die Mastung hat der Meier um die Hälfte zu betreiben und kann der Meier, wenn es gute Jahre sind, etwa 8 Schweine mästen. Die Weide bei diesem Hof ist mittelmäßig. Es könne daraf neben einer guten Viehzucht wohl 150 Schafe gehalten werden. Torffmoor ist nicht mehr bei dem Hofe."

Dieser alte Hof hat jetzt einen Gesamtbesitz von 420 Morgen, davon sind 210 Morgen Wald, 100 Morgen Ackerland und nur noch 10 Morgen Ödland.

Luftbild
Luftbild von Hof Grafel

Woher kam die Bauernfamilie Storch? Zwischen Hohenaverbergen und Wittlohe lag einst der sogenannte Huckeshof, der zu den Meierrechten der Verdener Adelsfamili von Mandelsloh gehörte. Hier haben die Stochs jahrhundertelang gewohnt. Der Hof ist um 1500 der Kirche vermacht worden und wurde gebäudelos.

Der erste sichtbare Beweis, daß die Storchs schon um 1600 auf Grafel Besitzer waren, geht aus einer Inschrift hervor, die sich an dem ältesten Gebäude des Hofes, dem alten Schafstall, mit folgenden Angaben befindet: "1636. Hinrich Stroch und Anna Gatzen".

Grafel gilt als der Stammhof der Familie Storch, die Besitzer in Otersen, Wittliohe, Hohen- und Neddenaverbergen meistens durch Einheirat geworden sind. Wie fast überall die Stammfamilien in Niedersachsen, so haben auch die Storchs früher keinen Familiennamen geführt. Der verstorbene Chefarzt des Verdener Krankenhauses, Dr. Heinrich Storch, hat bei seinen familienkundlichen Studien festgestellt, daß die Storchs auf Grafel vor Jahrhunderten behördlich der "Grafelmann" genannt wurden. Erst als die Bevölkerungszahl mehr und mehr anwuchs, führte man von Amts wegen Familiennamen ein. Es ging auf Grafel über Stork zum Familiennamen Storch über.

In ununterbrochener Geschlechterfolge sind die Storchs Besitzer dieses alten Heidehofs geblieben. Vielfach stellt man aus der Familiengeschichte fest, daß der Vorname der Besitzer sich auf die Enkel vererbte. Als Vornamen wurden auf dem Hofe gewählt:
Eilers=heute Ehler; Oelerich=Ullrich; Harm=Hermann; Dietrich; Jürgen; Hinrich.

Die Existenz des Grafeler Hofes war noch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinein vornehmlich auf Schafhaltung begründet. Die Wolle fand guten Absatz an die ins Land kommenden englischen Wollaufkäufer, und aus der in Niedersachsen aufgekauften Wolle wurden die weltberühmten englischen Anzugstoffe hergestellt.

Wohnhaus
Wohnhaus

Der englische Markt nahm auch die Schafe aus Niedersachsen gern als Schlachttiere auf, da in England kein Schweinefleisch gegessen wurde. Ein Heidschnuckenbraten galt in den englischen Hotels auf der Speisekarte als besondere Delikatesse.

Die Zollpolitik brachte für den Absatz der Schafe und ihrer Wolle nach England Schwierigkeiten. Der Grafeler Bauer stellte daher seinen Betrieb um. Neben der Holz- und Grünlandschaft wurde nun auch der Getreidebau in Angriff genommen. Diedrich Storch, der Großvater des heutigen Besitzers, nahm in großzügiger Weise die Umstellung seines Betriebes gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor. Er baute für den eigenen Bedarf eine Wassermühle, die durch die Lehrde getrieben wurde. Außerdem errichtete er ein Sägewerk, das gleichfalls mit Wasserkraft betrieben worden ist.

Leutenot gab es offenbar zu jener Zeit auch schon in unserer Heimat. Diedrich Storch baute für seinen Sägewerksmeister Hermann Zweibrück auf seinem Besitz und auf seine Kosten ein Wohnhaus. Ferner wurden Wohnungen für die landwirtschaftlichen Mitarbeiter eingerichtet. Die Famili Zweibrück verlegte ihren Wohnsitz später nach Kirchlinteln.

Seit dem Bestehen des Hofes Grafel haben die Besitzer die Rechte einer Eigenjagd. Die Ruhe der Landschaft, das frische Quellwasser der Lehrde und vor allem Hege und Pflege der Jagd haben dazu geführt, daß sich hier neben Hasen und Kaninchen ein guter Rehbestand befindet. Schwarzwild taucht in seinem zigeunerhaften Trieb häufiger in der Jagd auf und kommt aus dem Nachbarkreise Fallingbostel. Als Seltenheit ist es gewiß zu werten, daß die Fasanen in der Grafeler Eigenjagd stets erhalten werden konnten, auch in der Kriegs- und Nachkriegszeit, als Jäger allgemein über den Verlust dieser Wildart klagten.

Die Fischerei in der Lehrde gehört zu den verbrieften Rechten des Barons von Behr in Stellichte. Die Lehrde ist für die Grünländereien seit Jahrhunderten sehr wichtig gewesen. Auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft hatte man aber früher nicht die Erfahrungen wie heute. Jedenfalls wurde das Wasser der Lehrde die Ursache zu einer katastrophalen Versumpfung der angrenzenden, einst in hoher Kultur stehenden Besitzungen. Die ganze Gegend dankt es daher dem Oberkreisdirektor Berner, daß er die Initiative aufnahm und zu der Gründung eines Wasser- und Bodenverbandes mit großem Erfolg aufrief. Der Grafeler Hof liegt mit 120 Morgen Besitz in dem Gebiet des genannten Verbandes.

Diedrich Storch, als damaliger, inzwischen verstorbener Besitzer des Hofes, übernahm daher auch das verantwortungsrechtliche Amt eines Verbandsvorstehers. 60 Morgen seines Besitzes waren durch die Lehrdeversumpfung nutzlos geworden, die früher bestes Kulturland für seine Vorfahren gewesen sind.

Speicher
Speicher

1953 ist der "Wasser- und Bodenverband der Lehrde" gegründet worden. Für das angestrebte Kultivierungswerk gab das Land Niedersachsen wesentliche Zuschüsse.

Die Treue zur Scholle zeigt sich auch auf dem Grafeler Hof. Die Bäuerin, eine Angehörige der alten Armser Bauernfamilie Eifers-Rüpke, zeigt uns eine Truhe aus schwerem Eichenholz der Grafeler Waldungen. Die Truhe trägt die Jahreszahl 1686 und ist von all den Generationen der Familie Storch, die auf dem Hof Grafel ein- und ausgingen, stets in hohen Ehren gehalten und hat wie seit Jahrhunderten auch heute einen Ehrenplatz im Hause.

Sprichwörtliche Treue begleitet die Geschichte Niedersachsens und deren Menschen, wie es ein Heimatdichter so schön in seinen Worten sagt:

So lange noch die Eichen wachsen
In alter Kraft um Hof und Haus,
So lange stirbt in Niedersachsen
Die alte Stammesart nicht aus.